10 Jahre

 

Schreckliche Dinge geschehen jeden Tag um uns herum. Wir lesen davon in der Presse, Sensationsberichte in Funk und Fernsehen sorgen für Gänsehaut. Katastrophen, Unglücksfälle, Mord und Totschlag.

Nur gut, dass es uns nicht betrifft!

Aber schon der Tod eines geliebten Menschen, vor allem ein völlig unerwarteter, kann auch uns jeden Augenblick aus der Bahn werfen, uns in eine Lebenskrise stürzen („Krisis“ griech.: entscheidende Wendung). All unsere lieben Gewohnheiten, unsere finanzielle Sicherheit können mit einem Schicksalsschlag dahin sein. Der scheinbar gerade Lebensweg verwandelt sich von einer Sekunde auf die andere in eine steinige Kraterlandschaft, die wir alleine nicht bewältigen können. Wir brauchen all unsere Reserven, all unsere Kräfte, um weiter zu leben.

Ein wichtiger Hintergrund ist in solchen Fällen das soziale Netz, das uns in Form von Bezugspersonen umgibt. Verwandte, Freunde, Nachbarn müssten uns jetzt auffangen.

Was aber, wenn sie momentan nicht greifbar (Notfall in fremder Umgebung) oder, vom Schock des Ereignisses gelähmt, selber nicht handlungsfähig sind? Ein Alptraum. Hilflosigkeit, Einsamkeit, Verzweiflung, die Hölle!

Wenn jetzt niemand zur Stelle ist, der diesen Weg ein Stück weit mitgeht, Orientierung gibt im Chaos der Gefühle, können schwere psychische Schäden die Folge sein. Oft für das gesamte weitere Leben.

Verbitterung, Vereinsamung, Depression, körperliche Krankheit (Somatisierung, zerbrochene Familie, das Spektrum des Schreckens ließe sich beliebig erweitern).

Um solche Tragödien zu verhindern oder wenigstens etwas abzumildern, haben wir 1995 das Projekt >MONA< ins Leben gerufen.*

>MONA< steht als Kürzel für Mobile Organisation Notfallseelsorge & Anschlussdienste.

„Erste Hilfe für die Seele“ ist der Leitspruch für unsere Arbeit. Etwa 25 MitarbeiterInnen garantieren die Erreichbarkeit zu jeder Tages- und Nachtzeit im gesamten Landkreis Kelheim. Krisenintervention und Notfallseelsorge, die beiden Hauptbereiche, arbeiten dabei Hand in Hand. Beide auf unterschiedliche Art und Weise aber mit dem gemeinsamen Ziel, Lebenskrisen bewältigen zu helfen.

Den betreuten Personen soll in Gesprächen und oftmals auch durch praktische Unterstützung vor allem Eines vermittelt werden: Hilfe zur Selbsthilfe. Sie sollen wieder die Kraft bekommen, sich selber „frei zu schwimmen“, ihren Tagesablauf zu strukturieren, eine neue Perspektive zu entwickeln (Nichts ist mehr so wie es war, aber es geht weiter...).

>MONA< begleitet in den ersten Stunden des Schocks und ist im übertragenen Sinn vergleichbar mit der medizinischen „Ersten Hilfe“.

Ein „Krankenhaus“ kann >MONA< nicht bieten aber Kontakte zu weiter führender Therapie. Wir pflegen enge Verbindungen zu Psychotherapeuten, Hospiz und Selbsthilfegruppen und können nach hunderten von Einsätzen inzwischen auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückgreifen.

Krisenintervention, das ist nicht „Händchen halten“ oder betroffen mitweinen (auch wenn es gelegentlich geschieht), sondern in erster Linie strukturiertes Arbeiten mit den Klienten. Deshalb brauchen >MONA<-MitarbeiterInnen eine spezielle Ausbildung. Diese umfasst 130 Stunden (80 Theorie und 50 Praxis) und orientiert sich an den neuesten Erkenntnissen einer relativ jungen Wissenschaft, der Psychotraumatologie. Dieses Fachgebiet beschäftigt sich ausschließlich mit Verletzungen der Seele (Psyche = Seele, Trauma = Verletzung), die, ähnlich einer körperlichen Wunde, schneller und effektiver verheilt, wenn sie nicht einfach sich selbst überlassen, sondern adäquat versorgt wird. Eine Narbe bleibt freilich immer, aber ob sie groß oder klein, hässlich wuchernd oder kaum sichtbar den weiteren Lebensweg begleitet, das entscheidet sich schon am Anfang, ganz nah am traumatischen Geschehen. Was hier versäumt wird, kann (wie beim Rettungseinsatz im medizinischen Bereich) nie mehr nachgeholt werden!

Seit der Flugschaukatastrophe von Ramstein ist diese Erkenntnis auch bei uns in Deutschland ins Bewusstsein gerückt. Nach dem Zugunglück von Eschede schließlich fanden Schlagworte wie „Notfallseelsorge“ oder „Helfernachbetreuung“ Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch.

Ihre Wurzeln hat die Psychotraumatologie in USA, wo sie zur Betreuung von Vietnam-Veteranen eingesetzt wurde.

In Deutschland war ihr Wegbereiter vor allem der Münchner Rettungsassistent und Diakon Andreas Müller-Cyran, der auch heute noch als „Papst“ in Fragen moderner Krisenintervention gilt. Durch seine Arbeit setzte Bayern bundesweit Akzente, er selbst wird weltweit bei jeder Art von Katastrophen zu Rate gezogen.

Als >MONA< vor 10 Jahren ins Leben gerufen wurde, leistete auch er Geburtshilfe, und heute noch sind wir eng mit ihm verbunden.

 >MONA< startete damals als Pilotprojekt, sozusagen als „Versuchsballon“ in den weiß-blauen Himmel. Es gab ja keinerlei Erfahrungswerte, alles stand noch am Anfang. Neben „KIT München“ war da noch eine Initiative des evangelischen Pfarrers Hanjo von Wietersheim nahe Roth / Nürnberg sowie ein katholisches Konzept in Furth i.W. / Cham von Pfarrer Thomas Schmid. Ambivalente Struktur (KID und NFS) sowie Erreichbarkeit rund um die Uhr kennzeichneten von der ersten Stunde an das Modell >MONA< und hoben es von anderen ab. Doch es gab weder Ausbildung für die Mitarbeiter noch irgendwelche verbindlichen  Vorgaben, Richtlinien oder Aufbaupläne für Kriseninterventionsdienste. Alles, selbst die benötigten Formulare (wie z. B. Dokumentationsbögen) mussten wir selbst mühsam „erfinden“ und gestalten. Auch unsere Vorgehensweise im Einsatz geschah zunächst „aus dem Bauch heraus“. Dass dies nicht immer der Königsweg war, merkten wir erst nach und nach. Psychotraumatologie heißt oft, gegen dieses Bauchgefühl zu handeln. Trotzdem wurde auch damals schon gute Arbeit geleistet. Die Leute waren froh, dass sich überhaupt jemand um sie kümmerte.

Das nötige Fachwissen eigneten wir uns über eine Mitgliedschaft im RZR (Rettungszentrum Regensburg) in der Gruppe Psychotraumatologie – ebenfalls unter Leitung von Andreas Müller-Cyran – in Abendkursen an.

Erst Jahre später wurden KID-Kurse (Krisen Interventions Dienste) und noch viel später certifizierte Komplettausbildungen angeboten.

Wir organisierten schließlich die beste aber auch teuerste Ausbildung für uns und finanzierten einen Großteil über Spenden. Von Politikern des Kreises (für den wir ja schließlich Tag und Nacht unentgeltlich verfügbar sind!) gab es nicht einen Cent...

Auch das Innen- und das Kultusministerium blockten jegliche finanzielle Bezuschussung kategorisch ab.

Dafür erfuhren wir von Benediktinerabt Gregor in Rohr jede nur mögliche Unterstützung. Für die Dauer des Unterrichts stellte er uns die Räume im Kloster kostenlos zur Verfügung, Verpflegung und Unterkunft gab´s zum Selbstkostenpreis (an dieser Stelle noch einmal ein herzliches „Vergelt´s Gott“!). Dennoch war die Finanzierung nicht gesichert. Zwei Mitarbeiter von >MONA< bürgten deshalb privat in Höhe von 2000.-Euro. Wie durch ein Wunder erhielten wir zwei Spenden, die genau diese Lücke schlossen!

 

(...was soll ich mir Sorgen machen? Der Herr sorgt für mich...)

Alle TeilnehmerInnen des Kurses erhielten nach erfolgreicher Prüfung am 12.10.2002 in Augsburg den certifizierten Titel: „Kriseninterventionsberater BRK“. Ein Kraftakt war uns gelungen!

Inzwischen ist >MONA< 10 Jahre alt geworden. Das System hat sich etabliert,  Rettungsdienste, Polizei und Feuerwehren greifen mit immer größerem Selbstverständnis auf unsere Angebote zurück. Auch in der Sparte „Helfernachsorge“ bewegt sich allmählich einiges. Verschiedene Feuerwehren des Landkreises kamen nach besonders belastenden Einsätzen auf uns zu und nutzten die Gelegenheit zur Einsatz-nachbearbeitung. Diese wird von >MONA< zwar vermittelt und begleitet, aber von eigens dafür ausgebildeten Spezialisten, sogenannten CISM-Teams (Critical Incident Stress Management / Behandlung stressbelasteter Einsatzkräfte nach hoch belastenden Ereignissen) durchgeführt. Trotz des nicht unerheblichen Aufwandes (die Teams kommen aus München, Augsburg oder Regensburg) ist dieser Service kostenfrei!

Erst seit 1977 werden alle >MONA< - Einsätze systematisch dokumentiert. Zu Beginn unserer Aktivitäten hatten wir mit 5–10 Anforderungen pro Jahr kalkuliert. Im Jahr 2000 wurde erstmals die Zahl 50 überschritten, für 2004 sind 113 Einsätze aufgelistet und heuer sind es bereits 70 ( Stand 15.06.2005).

Insgesamt hat >MONA< damit bis dato 584 (dokumentierte) Einsätze geleistet. Mit 1200 Einsatzstunden konnte fast 1000 Menschen in der Akutphase geholfen werden. Unsere MitarbeiterInnen legten dafür ca.16000 km mit ihren Privat-PKWs zurück. Alles ehrenamtlich, alles auf eigene Rechnung!

Weitere Informationen über >MONA< erhalten Sie via Internetseite

 www.monaonline.de

*Anlass war ein tragischer Verkehrsunfall, bei dem eine Schülerin (9 Tage vor ihrem 15. Geburtstag) tödlich verunglückte. Auf dem steilen Herzberg (23% Gefälle) zwischen Ihrlerstein und Kelheim hatten die Bremsen ihres Fahrrades versagt. Ihre drei verzweifelten Freunde wurden bis zum Eintreffen der Eltern von der damaligen Sozialdienstreferentin des BRK, Uta Bollin, psychisch betreut. Psychischer Beistand für Mitbetroffene war etwas ganz Neues, aber die Zeit war reif, diese letzte Lücke in der Rettungskette zu schließen. >MONA<entstand.                                                                                                       

 

Erich Stauber

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